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PILOT MUSIK MACHT GESCHICHTE

PILOT MUSIK MACHT GESCHICHTE

PILOT MUSIK MACHT GESCHICHTE

Erste Eindrücke aus unserem Kooperationsprojekt mit der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Entstanden ist ein innovatives Besuchskonzept, bei dem die Teilnehmenden selbst Musik erschaffen, die als künstlerische Vermittlungsform neue Zugänge eröffnet, wo unmittelbare Begegnungen mit Zeitzeug:innen nicht mehr möglich sind.

Ich glaub an morgen /// Gruppe der Musikschule Oberhavel/ Oranienburg /// /// aufgenommen wurde die Performance nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: jakohitsdifferent

TRAILER INTERN

Zum Projekt

Das Pilotprojekt zu MUSIK MACHT GESCHICHTE widmet sich dem vielschichtigen Thema Musik in Konzentrationslagern. Musik fand zum Beispiel als Selbstvergewisserung, als Protest, aber auch als SS Unterhaltung oder als Folter statt. Für das Konzentrationslager Sachsenhausen gibt es eine außergewöhnlich gute Quellenlage zu diesem Thema. Es ist eines der frühen Lager und von Oranienburg aus wurde das KZ-System reichsweit organisiert. Zu den ersten Inhaftierten gehörten in hoher Zahl Musiker und Künstler. Zudem wurde mit Musik bewusst experimentiert. Jetzt wo Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als Vermittlung fehlen, versuchen wir mit den Künsten die Lücke zu schließen. Gemeinsam mit der Wissenschaft bietet sich hier eine besondere Möglichkeit Jugendliche eine selbstbestimmte Erinnerungskultur entwickeln zu lassen.

Das Projekt ist eine Kombination aus klassischer Biografienarbeit und musikalischer Reflexion mit popmusikalischen Mitteln. Die Gedenkstätte betreut die Biografienarbeit und wir als Team Blockbox bringen uns als kreatives Modul ein. Unser mobiles Setup kann die Wirksamkeit des Ortes besonders einfangen. Eigene Musik zu schaffen hinterlässt Spuren und dient sogar als Ventil für die Teilnehmenden der Workshops. Die Gruppen halten sich in der Regel mehrtägig in der ehemaligen Villa des Kommandanten, der heutigen internationalen Jugendbegegnungsstätte „Haus Szczypiorski“ auf. Wir sind mit der ersten Gruppe Anfang 2025 gestartet. Bis 2026 wurden 12 MUSIK MACHT GESCHICHTE Workshops absolviert. Hier finden sich die Ergebnisse. Entstanden ist nun ein innovatives Besuchskonzept, bei dem die Teilnehmenden selbst Musik erschaffen, die als alternative Vermittlungsform neue Zugänge eröffnet, wo unmittelbare Begegnungen mit Zeitzeug:innen nicht mehr möglich sind.

Popmusik in einer KZ-Gedenkstätte?

Die Arbeit mit Popmusik in diesem Themenbereich klingt vielleicht befremdlich. Die Möglichkeiten für Reflexion sind jedoch enorm. Wir nutzen niedrigschwellige kreative Räume um emotionale Zugänge zu komplexen Themen zu ermöglichen. Wir sehen das Konzept als Schwellenräum und als Ermutigung selbst weiterzugehen um Wissen anzueignen. Wir knüpfen an die gegenwärtige Klangwelt und deren Formen an. Es werden keine kreativen Limits gesetzt. Popmusik und deren Produktionsprozesse schlagen hier bewusst eine Brücke von der Gegenwart zum historischen Kontext. Jugendliche sollen bei dem Pilotprojekt zu MUSIK MACHT GESCHICHTE ihre eigene Erinnerungskultur entwickeln können – für uns kein Risiko sondern die einzige Chance für zukünftige Generationen. Das Blockbox-Studio bietet musikalische Zugänge auch ohne Vorkenntnisse. Die Ergebnisse sind in 1,5 Workshop Tagen in ca. 8 Workshopstunden entstanden. Vor dem durch Zwangsarbeit errichteten Kamin des SS-Lagerkommandanten findet eine ergreifende Auseinandersetzung, Reflexion und Äußerung statt.
Wir nehmen war, dass die Teilnehmenden hohe Empathie für die Opfer entwickeln und der kreative Prozess wie von allein all unsere Erwartungen im Sinne einer immer wieder zu verhandelnden Erinnerungskultur übertrifft. Um den künstlerischen Prozess offenzuhalten arbeiten wir mit einem wechselnden Pool von Musicproducern zusammen. Unsere Blockbox bringt hochkompakt E-Gitarren, Syntheshizer, Drums, DJ-Tools etc. „ready to record“ an den Gedenkort.

Erste Klänge…

Die Gedenkstätte plant eine eigene Form der Veröffentlichung und es braucht bis dahin noch etwas Geduld. Einen ersten Eindruck wollen wir jedoch präsentieren.

Die Hoffnung-Suite ist mit einer 10. Klasse des Carl-Emanuel-Bach-Gymnasium Berlin entstanden und das Ergebnis überwältigt uns. Die Musikklasse ist der Ausschreibung als erste gefolgt. Das Video bietet einen 15 minütigen kommentierten Einblick in die Workshop-Ergebnissen. Zu Beginn sind Feedbacks aus den Workshops eingeblendet. Für dieses beeindruckendes Ergebnis empfehlen wir sich Ruhe zunehmen (Prolog – König von Thule – Traum – Schrei – Hoffnung – Zuversicht) Producer: jakohitsdifferent

„Hoffnung ist für alle da“ /// Mädchen der 10.Klasse des Käthe-Kollwitz Gymnasiums aus Rostock /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop
Producer: Jakob Hegner jakohitsdifferent

„Spring übern Zaun“ //// 10.Stufe eines Friedrichswerderschen Gymnasium Potsdam /// 1 Tagesworkshops mit einer gemischten Gruppe /// Producer: Jakob Hegner jakohitsdifferent

Wie konnte man?“ /// 10.Klasse der evangelischen Schule Neukölln /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: Andi Wisbauer

„Way to freedom“ Im Eintagesworkshop des International Study Camps kreierten 10 junge Erwachsene eine Song-Collage /// Producer: Moritz Ecker

„Mehr als eine Nummer“ /// Gesamtschule Bockmühle Essen /// /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: Andi Wisbauer

„Freiheit im Kopf“ /// Gesamtschule Gottfried-Wilhelm-Leipnitz Duisburg /// /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: Jakob Hegner jakohitsdifferent

„tba“ /// Seminar der BTU Cottbus /// /// 1 Tagesworkshops mit einer Gruppe aus Musikstudent*innen /// Producer: Jakob Hegner jakohitsdifferent

„Schau dich um“ /// Gesamtschule Gelsenkirchen Buer-Mitte /// /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: Andi Wisbauer

Das wünsch ich niemanden /// Kreisjugendring Prignitz /// /// klassischer Song nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: Paul Stephan Tetzlaff

Ich glaub an morgen /// Gruppe der Musikschule Oberhavel/ Oranienburg /// /// aufgenommen wurde die Performance nach 1,5 Tagen mit 8h Musik-Workshop /// Producer: jakohitsdifferent

Übertragbarkeit, Ausblick & Verstetigung

Das Konzept ist sicher auf weitere historische Zusammenhänge und Workshopkontexte übertragbar. An Diktaturen und deren Aufarbeitung mangelt es leider nicht. Künstlerische Biografien sind nicht zwingend. Die Zusammenarbeit mit dem Blockbox-Team und Wissenschaftler:innen jeweils vor Ort scheint sich zu einem robusten Modell zu entwickeln. Das KnowHow zu übertragen liegt nah. Die Zusammenarbeit mit lokalen Producern ebenso. Wir experimentieren mit verschiedenen Einstiegsvarianten in den musikalischen Reflektionsprozess um auf die Bedürfnisse der Gruppe gezielt einzugehen (z.B. Podcastjingle, Kurzvideo, Soundcollagen u.ä.).

Das Team hat sich entschlossen, die Workshopergebnisse auf Youtube als hörfokussierte Videos zu veröffentlichen. Bis Mai 2026 ist die vollständige Veröffentlichung aller Songs auf dem Channel der Gedenkstätte geplant und in Arbeit. Youtube hat für Jugendliche die beste Zugänglichkeit, dass war das Hauptargument gegenüber anderen Online-Varianten und bietet in den Captures die Möglichkeit, den Prozess zu beschreiben. Der hochinteressante Entsatehungsprozess steht gegenüber dem Endergebnis etwas im Schatten, aber ist immerhin an dieser Stelle beschreibbar.
Als weitere Plattform der Veröffentlichung dient die entstehende Webapp zum Projekt. Ähnlich wie schon genutzte Webapp „Dingen auf der Spur“ ist das finale Design gefunden und befindet sich im Programierprozess. Die Webapp ist eine smarte Materialsammlung zu den Opferbiografien und macht die original Kompositionen für kommende Führungen und Workshops zugänglich. Die Songs aus dem Workshop tauchen unter denjeweiligen Biografien mit einem kurzem Verweis zu Entstehung und Urheberschaft. Da die Webapp auch als Audiowalk über das Gedenkstätten-Gelände angelegt ist, können unsere Songs als Wegüberbrückung zwischen den einzelnen Stationen genutzt werden. Unsere Vision ist, dass sie eine ästhetische Brücke zur Gegenwart schlagen.

Als eine besondere Form der Übersetzung experimentieren wir auch mit anderen Formaten. Zur Gedenkfeier wurde ein Workshopsong für das Rahmenprogramm angefragt. Da die Einordnung des Songtext im Rahmen der Veranstalung nicht möglich ist, haben wir uns entschlossen einen Song kammermusikalisch von Steffen Greisinger (Leipzig) arrangieren zu lassen. Die Jugendlichen werden ihren Song rein musikalisch darbieten und mit ihren Instrumenten selbst spielen. In diesem Fall handelt es sich um eine Musikklasse mit hohen spielerischen Fähigkeiten und starken musikalischen Motiven in dem Workshopergebnis. Wir verstehen das Pilotprojekt als Experimentierfeld. Wir haben viele Details dankbar probiert und an die Gruppen jeweils angepasst.

Als Abschluss der ersten Projektphase hatten wir eine Gruppe der Kreismusikschule Oberhavel zu Gast. Die Teilnehmenden hatten sich dazu entschlossen ihren Song nicht nachproduzieren zulassen, sondern spontan vor den sie am Abend abholenden Eltern und Familien zu performen. Die Videoaufnahme von „Ich glaub an morgen“ zeigt die ergreifende Aufführung. Für unser Team ein würdevoller und besonderer Abschluss. Wir haben selbst mitgespielt und im Hintergrund sieht man wie die Blockbox mitläuft. Diese Aufnahme liegt nun unter dem Video.


Eine Schlussbemerkung: Bis jetzt ist noch kein Workshop ergebnislos geblieben. Durch die technischen Möglichkeiten ist das auch fast ausgeschlossen, aber immer eine Option. Es steht den Teilnehmenden immer offen keinen Song zu beenden oder das Entstandenen nicht zu veröffentlichen. Anfragen für Gruppen sind absofort über unser Kontaktformular oder die Bildungsabteilung der Gedenkstätte möglich.

Personen:
Künstlerische Leitung des Projekts: 
Nikko Weidemann (u.a. “Babylon Berlin“, Moka Efti Orchestra) 
Tino Kahl ( FGL Koop Musikschule Marzahn-Hellersdorf) 


Projektleitung Gedenkstätte:
 Moritz Krüger (Fachführung, Biografienrecherche, Leitung Biografienworkshop) 
Astrid Homann Projektadministration
Musikproduktion Team Blockbox: Jakob Hegner, Paul Tetzlaff-Omer, Andreas Wisbauer und Moritz Ecker
Blockbox ist ein Projekt der Hans-Werner-Henze-Musikschule Marzahn-Hellersdorf Berlin.

Speech Nikko Weidemann @ISK International Sachsenhausen Komitee 18.04.2026


Feedback einer Lehrerin nach dem Besuch